Meine Arbeitsweise



Ein besonderes Interesse an bestimmten Motiven und Bildideen in meiner zeichnerischen Tätigkeit besteht nicht. Weil ich fotorealistisch arbeite, ist der Ausgangspunkt der Zeichnung immer ein Foto. Das Genre umfasst das "Übliche": Alles, was sich "zeichnen lässt" und sich lohnt zu zeichnen: Naturstudien, Stillleben, Pflanzen- und Blütendarstellungen, bis hin zu Porträts, Landschaften, Gebäude- und Stadtansichten. Häufig fertige ich auch Dreier-Serien eines bestimmten bildlichen Themas an. Zur Zeit zeichne ich alte Gegenstände, vornehmlich defekte und häufig verrostete. Die Serie, die im Herbst des Jahres 2017 begann, habe ich »Olles & Rostiges« genannt. ...

Fortsetzung

 
Sie umfasst - abweichend von früheren Intentionen - mehr Bilder. Bisher sind ca. 20 Zeichnungen vollendet. Insbesondere die Darstellung alter, verrosteter Gegenstände mit ihren unkontrollierbaren Farbverläufen rostiger Ablaufspuren und die Abbildung der Struktur abgeblätterter Anstrichfarben wecken mein Interesse. Sie bieten die Chance, die realistische Darstellung teilweise zu überwinden und den Übergang zum Abstrakten zu wagen. Für mich repräsentieren alte, ausgediente Alltagsgegenstände den Charme vergangener Tage. Mit der Hand gebogene und verschweißte Metallrohre oder -gestänge etwa lassen gediegene Handwerkskunst erahnen, die aus längst vergangenen Tagen stammt und heutzutage der Montage mit vorgefertigten Einzelteilen gewichen ist. Verfallene Gemäuer verlassener Orte und Gebäude sind Zeugen dafür, dass einst Menschen dort lebten, sich wohlfühlten, aber auch litten. Das Leben hinterließ an solchen "Lost Places" lebendige Spuren; das einzufangen ist die Absicht meiner bildnerischen Arbeiten. Nicht der nostalgische Wunsch, vergangene Zeiten wieder herbeizusehnen, ist mein Anliegen, sondern der Versuch, die Vergangenheit in ihrer Faszination nicht vergessen zu lassen.
 
Ideen und Motive sämtlicher Bilder, die ich seit 2014 in Buntstift angefertigt habe, entstehen nicht aus einer bestimmten Stimmung heraus. Einzig und allein ist ein »gutes« Foto für mich ausschlaggebend, eine Auswahl zu treffen. Das Foto muss mir auf Anhieb sofort gefallen und dabei spielt das »Bauchgefühl« eine große Rolle. Grundsätzlich muss es in fotografisch-technischer Hinsicht einwandfrei sein, gut belichtet und detailscharf. Und es muss natürlich eine inhaltliche Aussage haben, eine Bildidee.
 
Ich zeichne zur Zeit ausschließlich mit Buntstiften (FABER-CASTELL: Polychromos, CARAN  D´ACHE: Pablo und Luminance) in mehr als 200 verschieden Farbtönen, bevorzuge extra feines, dickes und hartes Zeichenpapier und - wie schon oben erwähnt - ein in technischer Hinsicht qualitativ gutes Foto, möglichst im Format des späteren Bildes. Selbstverständlich muss das ausgewählte Foto auch eine Bildbotschaft übermitteln. 

Ich arbeite ca. vier Wochen an einem Bild der Größe 30x40. Weil Zeichnen eine Tätigkeit ist, die sehr hohe Konzentration erfordert, arbeite ich selten länger als drei Stunden am Stück. Nach einer Pause kann ich dann noch einmal für 2 Stunden arbeiten. Ich arbeite natürlich nicht täglich, aber mehrmals wöchentlich schon, denn außer Zeichnen gibt es noch weiteres Lebens- und Erlebenswertes und auch Pflichten. Insgesamt kommen ich etwa auf 50 bis 60 Stunden insgesamt für eine Zeichnung des Formats 30 x40 cm. 
 

Eine typische "Handschrift" entwickelt sich bei einem Grafiker, der sich intensiv mit Zeichnen beschäftigt, von selbst. Insbesondere die Farbwahl, die Struktur der farbigen Punkte, Linien, Flächen und Farbübergänge gehören zur persönlichen Handschrift des Grafikers. Mit fortschreitender Erfahrung in der Technik der  Buntstiftzeichnung  bemerkte ich bald, dass ich bei einigen Zeichnungen einen eigenen "Strukturstrich" entwickelte, den ich fast durchgängig bewusst bis heute beibehalte und verfeinere. So nimmt man bei vielen meiner Bilder im sehr nahen Betrachtungsabstand zuweilen ein diffuses, scheinbar konzeptionsloses Durcheinander unterschiedlicher Farbspuren wahr, das sich dann bei größerer Entfernung zu realistischen Gegenständen, Details und strukturierten Flächen zusammenfügt, ein optischer Sachverhalt, der der Stilrichtung des Pointillismus nicht ganz unähnlich ist und auch dem Bild des Farbfernsehers zugrunde liegt, das bekanntlich aus kleinen, farbigen Lichtpunkten besteht.

 Weil sich Buntstiftfarben auch bis zu einem bestimmten Grad mischen lassen, entwickelt sich mit der Zeit ein Mischsystem, das auf persönlicher Erfahrung beruht. Gefahr besteht darin, dass man sich zu oft von »Lieblingsfarben« leiten lässt und seltene Farbtöne oder neue Mischungen vermeidet. Allerdings muss in diesem Zusammenhang

erwähnt werden, dass die Mischbarkeit von Buntstiftfarben sehr begrenzt und abhängig ist vom Fabrikat und den einzelnen Buntstiften selbst, von denen es "harte" und "weiche" gibt. Grundsätzlich kann nicht separat auf einer Palette gemischt werden wie etwa bei Öl, Aquarell oder Acryl, sondern die Mischung muss direkt auf dem Zeichengrund, dem Zeichenpapier, erfolgen. Es werden dünne Farbschichten über einander gelegt, mit der hellsten Farbe beginnend. 

Drei grundsätzliche Probleme seien zum Schluss angesprochen:
 1. Es ist nahezu unmöglich, gleichmäßige Farbflächen, wie sie bei einem wolkenlosen Himmel erwünscht sind, ohne Struktur mit Buntstiften aufzubringen. Insbesondere bei dunklen, gleichmäßigen Farbflächen ist die Struktur immer sichtbar. Unschlagbar ist in dieser Hinsicht die Zeichentechnik mit Pastellfarben, die sich auch sehr gut mischen lassen.
 
2. Auch ist es zeichentechnisch nicht möglich, helle Linien und Lichtpunkte auf einen schon eingefärbten Untergrund zu zeichnen. So müssen helle Bereiche bei einem Porträt wie z.B. die grauen oder weißen Haare vor einem dunklen Untergrund mühsam "umzeichnet" werden. Das betrifft auch etwa helle, dünne Gräser in dunkelgrüner Umgebung. Manchmal hilft der dezente Einsatz von Deckweiß, was Puristen allerdings bemängeln und als Stilbruch kritisieren könnten.
 
3. Eine Korrektur von einzelnen Bereichen oder Details einer Buntstiftzeichnung ist nur sehr eingeschränkt möglich. Auch mit einer Radierschablone kann ein Farbbereich nur begrenzt wegradiert werden. Das trifft verständlicherweise insbesondere bei dunklen und farbkräftigen Farben zu. Deshalb ist es empfehlenswert, bei außergewöhnlichen Farbmischungen oder schwierigen Detailzeichnungen auf einem separaten Zeichenpapier Übungen oder Versuche durchzuführen, bevor am Original weitergearbeitet wird. 
   


Mich inspirieren für meine Tätigkeit keine bestimmten Künstler, es sei denn, sie arbeiten ebenfalls fotorealistisch. Ich kenne aber keinen namhaften ("anerkannten") Künstler, der fotorealistisch in Buntstifttechnik gearbeitet hätte oder arbeitet. Eine Bemerkung sei in diesem Zusammenhang erlaubt: Wer entscheidet, was Kunst ist und wer Künstler ist. Es gibt viele anerkannte Künstler, die durchschnittliche bis schlechte Werke geschaffen haben. Andererseits gibt es viele unbekannte Grafiker, die durchaus ihr Handwerk verstehen. Ein Blick ins Internet mittels Google lohnt sich. Ansonsten liebe ich den Impressionismus und den Expressionismus unabhängig von der Technik.

Seit meiner Pensionierung 2014 habe ich sehr viel mehr Zeit für meine Hobbies gefunden. Das war ein wichtiger Grund dafür, mich intensiver mit dem Zeichnen zu beschäftigen. Für mich ist der Schaffensprozess wichtiger als das fertige Bild, weil mir das Zeichnen an sich Freude und Erfüllung verschafft und von mir nicht als mühsame Arbeit empfunden wird. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, wie ein Leben im Rentenalter ohne kreative Tätigkeit - auf welchem Gebiet auch immer - auszuhalten ist. Insofern ist Zeichnen für mich zugleich eine Therapiemaßnahme, um dem Leben einen Sinn zu geben.
 
Ein perfekter Tag in meiner grafischen Arbeit besteht darin, dass ich ein Bild nach meiner persönlichen Bewertung erfolgreich beende und mich dem letzten »Feinschliff in Details« widme und gleichzeitig schon eine Wahl für das nächste Bild getroffen habe. Sonst besteht Gefahr, in das bekannte »schwarze Loch« zu fallen. Optimal ist es, wenn das Foto für die nächste Arbeit schon präsent ist, so dass ohne Unterbrechung weiter gearbeitet werden kann. Ausruhen macht träge und ist langfristig unbefriedigend.


Schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich nicht als „Künstler“ verstehe. Der Begriff „Kunst“ sollte meiner Meinung nach sehr sparsam verwendet werden und nicht inflationär dazu beitragen, dass jeder Scharlatan meint, sich Künstler nennen zu können oder jede „Fettecke“ als Kunst bezeichnet wird. Ich halte mich eher für einen Grafiker oder Illustrator, der sein Handwerk beherrscht; das reicht mir. Was und wer die Bezeichnung "Kunst" und "Künstler" verdient, entscheiden spätere Generationen. Für mich selbst ist deshalb Nachhaltigkeit einer der ausschlaggebenden Aspekte dafür zu entscheiden, welches optische Werk verdient, als Kunst  bezeichnen zu werden. Zu fragen ist immer, ob ein Kunstwerk  in seiner Bedeutung längerfristig Bestand hat, oder dem modischen Zeitgeist unterworfen ist und dadurch die Gefahr besteht, vergessen zu werden.

Die Ergebnisse meiner Arbeit sind im Wesentlichen zurückzuführen auf 80 % Fleiß, handwerkliche Fähigkeiten und Durchhaltevermögen und nur auf 20 % Talent.